Eine Positionsgrößenregel für Aktien lässt sich nicht unverändert auf Platin übertragen. Bevor du ein neues Marktsegment handelst, musst du Kontraktwert, Handelszeiten, Liquidität, Volatilität, Ausführung und Stopplogik neu prüfen.
1999 wartete das Team des Mars Climate Orbiter im Jet Propulsion Laboratory in Pasadena auf ein Signal der Sonde. Nach dem geplanten Einschwenken in die Marsumlaufbahn blieb es aus. Zu diesem Zeitpunkt war noch unklar, ob die Kommunikation nur vorübergehend unterbrochen war oder die Mission verloren ging.
Später zeigte die Untersuchung: Ein Bodensystem hatte Impulsdaten in Pound-Force-Sekunden geliefert. Die Navigationssoftware erwartete Newtonsekunden. Die Werte wurden übernommen, ohne die Einheit korrekt umzurechnen. Dadurch näherte sich die Sonde dem Mars auf einer falschen Bahn und ging verloren.
Das NASA Mars Climate Orbiter Mishap Investigation Board unter Leitung von Arthur Stephenson dokumentierte den Fehler 1999 in seinem Phase-I-Bericht. Die einzelnen Berechnungen waren innerhalb ihres jeweiligen Systems plausibel. Gefährlich wurde der Übergang zwischen zwei Systemen, deren gemeinsame Bezeichnung „Impuls“ unterschiedliche Einheiten verdeckte.
Genau diese Art von Übergabefehler kann entstehen, wenn du am Sonntagabend Platin auf deine Watchlist setzt und am Montag dieselbe Positionsgrößenregel verwendest, die du für Aktien gebaut hast. Die Formel rechnet korrekt. Ihre Annahmen können trotzdem falsch sein.
Eine bekannte Formel kann ein unbekanntes Risiko erzeugen
Nehmen wir eine einfache Risikoregel als Illustration: Du begrenzt den geplanten Verlust je Trade auf einen festen Anteil deines Kontos. Bei Aktien berechnest du die Stückzahl aus dem Abstand zwischen Einstieg und Stop.
Das wirkt übertragbar:
Kontorisiko geteilt durch Stopabstand ergibt Positionsgröße.
Bei einem anderen Instrument reicht diese Schreibweise nicht. Du musst wissen, worauf sich eine Preisbewegung bezieht und welchen Geldbetrag sie tatsächlich verändert. Je nach Zugangsweg handelst du möglicherweise keinen Bestand in einzelnen Aktien, sondern ein Produkt mit eigener Kontraktgröße, Tickgröße, Finanzierung, Laufzeit oder Besicherungslogik.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Funktioniert meine Formel?“
Sie lautet: „Beschreiben die Eingaben denselben wirtschaftlichen Sachverhalt wie in dem Markt, für den ich die Formel entwickelt habe?“
Ein Stopabstand von 2 Einheiten sagt allein nichts über den möglichen Verlust aus. Erst der Wert je Einheit, die Positionsmenge, mögliche Kurslücken, Ausführungskosten und die tatsächliche Stopausführung machen daraus eine Risikozahl.
Die Sonntagsprüfung vor dem ersten Platinsignal
Eine neue Watchlist-Position sollte zunächst eine Beobachtung sein, keine Handelserlaubnis. Für Platin beginnt die Prüfung bei den Bedingungen des konkreten Instruments, das dein Broker anbietet.
Dokumentiere vor dem ersten Auftrag:
- Was genau wird gehandelt, und in welcher Einheit wird der Preis angegeben?
- Wie verändert eine minimale Preisbewegung den Geldwert der Position?
- Welche Kontraktgröße oder Bezugsmenge liegt zugrunde?
- Wann ist der Markt für dieses Instrument handelbar?
- Wie breit sind Geld-Brief-Spannen unter ruhigen und unruhigen Bedingungen?
- Kann ein Stop schlechter als geplant ausgeführt werden?
- Welche Kosten entstehen beim Halten der Position?
- Welche bestehenden Positionen reagieren auf ähnliche wirtschaftliche Faktoren?
Der letzte Punkt verhindert eine verbreitete Fehleinschätzung. Eine Position kann für sich genommen regelkonform sein und trotzdem das Gesamtrisiko erhöhen. Das gilt besonders, wenn bereits Rohstoff-, Währungs- oder konjunktursensitive Positionen offen sind. Der Beitrag Was, wenn ein Trade regelkonform ist, aber nicht zum Gesamtrisiko passt? behandelt genau diese zweite Prüfungsebene.
Fehlt eine Antwort, fehlt eine Eingabe für die Risikorechnung. Dann ist „keine Freigabe“ eine vollständige Entscheidung.
Warum ein Approval Gate hier mehr als eine Bestätigung ist
Ein Approval Gate unterbricht den Weg vom Signal zur Order. Das ist besonders wichtig, wenn ein bekanntes Regelwerk erstmals auf einen unbekannten Markt trifft.
Die Prüfung sollte sichtbar machen, welche Annahmen das Signal und die Positionsgröße verwenden. Dazu gehören mindestens Instrument, Richtung, Einstieg, Stop, Positionsmenge, geschätztes Kontorisiko und bereits gebundenes Risiko. Der Mensch prüft anschließend, ob diese Angaben für den konkreten Markt vollständig und richtig interpretiert wurden.
Diese Freigabe ist keine Garantie gegen Verluste. Sie schafft einen Zeitpunkt, an dem ein Einheitenfehler, eine falsche Kontraktannahme oder eine ungeprüfte Korrelation noch folgenlos abgelehnt werden kann. Wie teuer fehlende Zustimmung werden kann, zeigt auch Was passiert, wenn dein Trading-Bot ohne deine Zustimmung eine Position eröffnet?.
Für einen neuen Markt ist eine gestufte Freigabe sinnvoll: zuerst beobachten, dann Berechnungen auf historischen Daten prüfen, anschließend nur mit einer bewusst kleinen Testgröße arbeiten. Erst ein sichtbares Journal zeigt, ob das Modell erwartungsgemäß rechnet und wie groß Abweichungen zwischen geplantem und tatsächlichem Risiko ausfallen.
Die Regel braucht einen Geltungsbereich
Nach dem Verlust des Mars Climate Orbiter bestand die Lehre nicht darin, Berechnungen grundsätzlich zu misstrauen. Entscheidend war die Kontrolle der Schnittstelle zwischen zwei Systemen.
Für deine Positionsgrößenregel gilt dasselbe. Schreibe neben die Formel, für welche Instrumente sie geprüft wurde, welche Einheiten sie erwartet und unter welchen Marktbedingungen sie ausgesetzt wird. Behandle Platin zunächst als neues System mit eigener Spezifikation.
Eine Regel wird nicht sicherer, weil sie vertraut aussieht. Sie wird überprüfbar, wenn ihre Annahmen, Einheiten und Grenzen sichtbar sind.
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